Warum leiden manche Menschen an Heuschnupfen und andere nicht?

Das ist eine uralte Frage, auf die es nach wie vor keine Antwort gibt. Verschiedene Forschungsarbeiten zeigen, dass erbliche Faktoren nur ein Teil der Ursache sind. Es gibt verschiedene Gene, die möglicherweise dafür verantwortlich sind. Aber diese Frage nach dem Wer und Warum kann man nach wie vor nicht abschliessend beantworten. 

Wie entwickelt sich eine Allergie?

Wie eine Briefmarkensammlung: Man beginnt mit einer Briefmarke. Früher oder später hat man eine Ähnliche und irgendwann kann man einen ganzen Haufen zusammenlegen und einheitlich betiteln. So macht das auch unser Immunsystem. Es sammelt allergische Reaktionen und verknüpft sie. Deshalb ist es kaum möglich, extrem stark auf bloss eine bestimmte Sache allergisch zu reagieren. Man kennt seine weiteren Allergien vielleicht nur nicht, weil man dem Auslöser intuitiv aus dem Weg geht. 

Wie hat sich die Zahl der Heuschnupfenpatienten in der Schweiz in den letzten Jahren verändert? 

Die genauen Zahlen kenne ich nicht. Aber während der letzten 20 Jahre hat die Zahl der Heuschnupfenpatienten zugenommen. Zunächst dachte man, das hinge mit der Umweltverschmutzung zusammen. Verschiedene Studien, etwa aus Neuseeland – wo die Belastung durch die zunehmende Umweltverschmutzung niedrig ist –, zeigten, dass auch dort eine Zunahme zu beobachten war. Man kann zudem die heutigen Laboranalysen nur schlecht mit früher vergleichen, da sich die Methoden stark geändert haben. Allergologen können aber auf ihre Erfahrungen zurückgreifen. Früher gab es in Japan keine Reisallergiker. Reis war das alleinige Hauptnahrungsmittel der Japaner. Heute jedoch, wo man sich in Japan auch westlich ernähren kann und eigentlich alles, was es auf der Welt gibt, essen kann, gibt es Japaner, die auf Reis allergisch sind. 

Wie hängt das mit der Allergie zusammen? 

Daraus wurde eine Hypothese entwickelt, die von US-amerikanischen sowie australischen Forschern erfolgreich überprüft wurde. Wenn wir über einen langen Zeitraum regelmässig ein Allergen in hohen Konzentrationen zu uns nehmen, wird unser Körper dagegen gewissermassen tolerant. Vielleicht zahlen wir für unsere vielseitige Ernährung, die heute möglich ist, einen Preis. Früher hatten die meisten Bevölkerungsgruppen ein beschränktes Angebot an Grundnahrungsmitteln, aber meist auch weniger Allergien. Wir essen heute Produkte, die rund um den Erdball wachsen, essen aber von den allergenen Nahrungsmitteln zu wenig und nicht regelmässig, sodass wir gegen Allergene keine Toleranz aufbauen. Wir weichen schnell einem Produkt aus, wenn wir eine allergische Reaktion vermuten. 
Festzustellen ist dieses Phänomen auch bei Imkern. Imker sind seltener auf Bienen allergisch als Menschen, die sich nie mit ihnen beschäftigen. Geben sie ihr Hobby auf, kann auch einer, der jahrelang immun war, allergisch auf Bienengift reagieren, weil er sich danach nicht regelmässig genug dem Allergen ausgesetzt hat. 

Also ist man selten gegen das allergisch, was einen den ganzen Tag lang umgibt?!

Katzenhaltern hat man früher sogar empfohlen, ihre Katzen zu baden, weil man glaubte, dass es in jedem Fall das Beste sei, dem Allergen aus dem Weg zu gehen. Da sich aber Katzenliebhaber selten von ihren Lieblingen trennen, haben sie meist verzweifelt mit hygienischen Massnahmen versucht, die Allergenkonzentration in ihrer Umgebung zu senken. Die verbleibenden Katzenhaare reichten aber aus, um sie weiter zu sensibilisieren. Professor Thomas A. Platts-Mills, Allergologe der Universität von Virginia, rät daher heute: «Eine Katze reicht zwar, aber zwei Tiere – zwei Hunde, zwei Katzen, eine Katze und ein Hund – sind noch besser.»

Kann das nicht gefährlich sein?

Natürlich kommt es auf die Art der Allergie und auf den Schweregrad an. Ist die Allergie bereits stark ausgeprägt, sind die beschriebenen Massnahmen natürlich gefährlich. Auch Patienten, die ihrem Allergen penibel über einen langen Zeitraum aus dem Weg gegangen sind, laufen mit dieser Methode der Toleranzinduktion Gefahr, einen Schock zu erleiden. Am besten begibt man sich als starker Allergiker in die Behandlung eines Allergologen. Die Immuntherapie bedeutet nichts anderes, als dass man sich mit kleinen Dosen des Allergens anfangend an höhere Dosen heranschleicht, um Toleranz zu entwickeln. 

Sie predigen, dass sich Allergiker aktiv mit ihrer Allergie konfrontieren sollen. Bedeutet das für Heuschnüpfler, durch Wiesen zu hüpfen? 

Wenn jemand ein Leben lang Heuschnupfen hatte und es immer schlimmer wurde, er oder sie gar unter einem Asthma leidet, dann kann man die Allergie sicher nicht von einem Tag auf den anderen mit einer Toleranzinduktion bekämpfen. Bei leichten Symptomen sollte man kein Weichei sein und so tun, als wäre man schwer krank. Früher hiess es in allen Lehrbüchern, dass man Allergien im Alter eher verliert, wahrscheinlich weil niemand auf die Idee kam, wegen einer Unpässlichkeit zum Arzt zu rennen. Schliesslich kann man Allergien missbrauchen, um Liebe und Aufmerksamkeit zu erhalten. Also sollte man zwischen echten Allergikern und Menschen, die ein leichtes Kribbeln in der Nase haben, unterscheiden. 

Leiden Sie unter Heuschnupfen?

Ich bin gegen verschiedene Gräser, Hasel- und speziell stark auf Birkenpollen allergisch. Ein fast identisches Allergen, also Eiweiss, kommt in der grossen Pflanzenfamilie der Rosenartigen vor, etwa in Kirschen, Pfirsichen, Pflaumen und Aprikosen. Ass ich Aprikosen, bekam ich leichte Magenkrämpfe und Durchfall. Ich habe mich selbst dagegen therapiert, indem ich täglich eine Aprikose mehr ass, bis ich bei einem ganzen Beutel angelangt bin. Diese Therapie nützt aber nichts, wenn man nicht am Ball bleibt. Man muss sich immer wieder dem Allergen stellen, weil die Immuntoleranz ständig wieder induziert werden muss. 

Joëlle Weil