Das Bild ist für Touristen mehr als befremdend: Wer während des Frühlings durch die Grossstädte Japans schlendert, trifft Menschen mit verhüllten Gesichtern an. Der Mundschutz ist dann das beliebteste Accessoire der Japaner. Während der Blütezeit schützen sie sich gegen die lästigen Pollen, die in Japan ein nationales und gesellschaftliches Problem darstellen. Die Zahlen sind ungenau, doch man geht davon aus, dass im Land der aufgehenden Sonne zwischen 15 und 30 Prozent der Bevölkerung unter Heuschnupfen leiden.

«Kafunsho»-Zeit wird die Zeit der hohen Pollenbelastung auf Japanisch genannt. Heuschnupfen ist dort gewissermassen zur Volkskrankheit geworden, denn in kaum einem anderen Land sind so viele Menschen davon betroffen wie in Japan. Die Studie eines Getränkeherstellers spricht von 55 Millionen Heuschnupfenpatienten und jedes Jahr wächst die Zahl durchschnittlich um weitere 4,2 Millionen. In Anbetracht der Gesamtbevölkerung sind über 40 Prozent betroffen. Auch die Pollenbelastung nimmt stetig zu. So war diese beispielsweise im Frühling 2013 ganze fünfmal so hoch wie im Vorjahr. 

Pollenroboter sollen helfen

Mit neuester Technologie versuchen die Japaner nun, sich selbst zu helfen. Sogenannte Pollenroboter kommen ab diesem Jahr im ganzen Land zum Einsatz, an 1?000 Standorten (in ganz Japan) werden sie stehen. Die kugelförmigen Roboter sind circa 15 Zentimeter gross und haben Gesichter. Sie inhalieren dieselbe Menge Luft wie Menschen und messen so die aktuelle Pollenbelastung. Je nach Belastung färbt sich ihre Augenfarbe weiss, blau, gelb, rot oder violett. Die Daten werden anschliessend ins Internet gestellt und helfen der Bevölkerung so, sich auf die Pollenbelastung vorzubereiten. Somit wissen die Japaner, wann sie ihre Schutzmaske zu Hause lassen können und wann nicht. 

Heuschnupfen erst seit dem Zweiten Weltkrieg

Heuschnupfen war in Japan bis zu den 1960er Jahren kaum ein Thema. Das änderte sich jedoch in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg, in der viele Bäume gefällt wurden. Die leeren Wälder wurden hauptsächlich mit Zedern aufgeforstet – von ungefähr 4,5 Millionen Hektar Zedern ist die Rede –, was zu plötzlicher Heuschnupfenerkrankung der Bevölkerung führte.   

Klagen aus der Bevölkerung

Dieses Jahr hat die Heuschnupfensaison bereits Anfang Februar begonnen. Auf der Website Globalvoicesonline.org äussern sich zahlreiche Japaner zur aktuellen Lage. Eine Userin schreibt: «Es ist wieder an der Zeit. Die deprimierendste Saison des Jahres für mich – «Kafunsho»-Saison. Einige Menschen haben nur entzündete Augen oder laufende Nasen, ich aber habe beides und es ist wirklich hart. Ich muss Augentropfen, Masken und Medikamente kaufen gehen.» Mizuka Yukizawa, eine Schülerin, schildert ihre Situation wie folgt: «Die Pollen fliegen schon herum ... . Wenn es so schlimm ist wie sonst an meinen Prüfungstagen, muss ich weinen. Ich wünschte, die Universitäten würden Rücksicht auf Heuschnupfenpatienten nehmen. Keine Heuschnupfenbeschwerden zu haben, würde mein Leben vorteilhafter machen.»

Joëlle Weil